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Körperkontakt Oder: Was Fußball und Kosmetik in der Pandemie verbindet

Körperkontakt Oder: Was Fußball und Kosmetik in der Pandemie verbindet

 

Am 15. April 2020 haben die Bundesregierung und die Länderchefs gemeinsam Lockerungen für die Öffnungen von Geschäften beschlossen. Der Beschluss sieht u.a. vor, dass sich Friseure darauf vorbereiten möchten, ab dem 04. Mai wieder öffnen zu dürfen. Für Kosmetik-, Massage- und Tattoo-Studios wird eine solche Öffnung im Anhang 1 des Beschlusses ausdrücklich ausgeschlossen. Begründet wird dies mit der unabdingbaren „körperlichen Nähe“ bei Behandlungen.

 

Am 22. April erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der in den letzten Wochen die Bevölkerung vorbildlich darauf trainiert hatte, Übertragungswege für das Coronavirus zu kappen, dass er sich Spiele der Fußball-Bundesliga durchaus vorstellen könne. Zitat vom 22. April zum Thema „Geisterspiele der Fußball-Bundesliga“: „Wenn das gelingen kann bei minimiertem und so gut wie möglich ausgeschlossenem Infektionsrisiko, dann kann das sicherlich gehen.“ In Analogie zu dem oben zitierten Beschluss, dass Kosmetikstudios aufgrund der körperlichen Nähe geschlossen bleiben müssen, kann dies eigentlich nur bedeuten, dass Herr Spahn eine Art „Covid-19-Fußball“ ohne jegliche körperliche Nähe im Kopf hat:

 

Eine Grätsche ist im Abstand von mind. 1,50m anzusetzen, der gegnerische Fußballer lässt sich dann fallen und der Schiedsrichter entscheidet, ob es sich um ein Foul oder eine Schwalbe handelt. Anstrengungen sind weitestgehend zu vermeiden, um nicht ins Schwitzen zu geraten oder aber heftig aus zu atmen und damit (eventuell virenbelastete) Aerosole auszustoßen, die andere Spieler infizieren könnten. Zyniker könnten jetzt anmerken, dass einige Spieler dies schon seit Längerem so praktizieren, aber das ist ein anderes Thema. Entsprechend darf der ballführende Spieler nur mit dem von den Experten bei Joggern empfohlenen Abstand von 15m verfolgt werden, damit dessen Dampfwolken nicht vom Gegner eingeatmet werden können. Beginnt ein Spieler zu transpirieren oder vor Anstrengung zu keuchen, sollten die Linienschiedsrichter diesen unverzüglich vom Feld nehmen bis sich dessen Atmung wieder normalisiert hat. In die Umkleidekabine dürften nur max. 5 Spieler gleichzeitig und zwar die Spieler, deren Spinde mindestens 1,50m voneinander entfernt sind. Währenddessen haben alle anderen Spieler unter Beachtung des Mindestabstandes von 1,50m in den Kabinengängen oder dem Spielfeld zu warten bis sie dran sind. Die obligatorische Massage nach dem Spiel wäre generell zu untersagen (siehe oben zitierte Anlage 1 des Beschlusses vom 15. April), bei Nutzung des Eisbeckens wäre das Wasser nach jedem badenden Spieler zu wechseln.

 

So oder ähnlich stelle ich mir Fußballspiele vor, die ohne die „unabdingbare körperliche Nähe“ verlaufen mit der der Beschluss vom 15. April die Wiederöffnung von Kosmetikstudios vorläufig weiterhin ausschließt.

Oder ist es anders: Dürfen Fußballspieler auch weiterhin den für das Spiel unabdingbaren körperlichen Kontakt wahrnehmen, aber Kosmetiker*innen wird mit dieser Begründung die Ausübung ihres Berufes untersagt?

 

Sehen wir uns doch einmal den „coronavirusfreien“ Alltag einer professionellen Kosmetikerin an: Termine werden im Voraus per Telefon, WhatsApp, online oder E-Mail abgemacht (keine Ansteckungsgefahr). Die Patienten erscheinen einzeln zu den vereinbarten Terminen und werden jeweils in einer separaten Kabine behandelt. Kosmetikliegen werden nach der Nutzung desinfiziert, benutzte Handtücher ausgetauscht und anschließend gekocht. Staatlich zertifizierte Kosmetiker*innen haben eine Ausbildung von 3 Jahren absolviert, in denen u.a. Sterilisation und Reinigung Ausbildungsschwerpunkte sind. Sie sind es gewohnt mit Schutzmaske und Handschuhen zu arbeiten. Patienten, die rund um den Mund behandelt werden, tragen keine Schutzmaske. Doch halten diese Mund und Rachen bei kosmetischen Behandlungen geschlossen. Selbst wenn ein Patient den Mund aufmacht, steht nicht zu befürchten, dass er aus dieser Entspannungsposition, anders als beispielsweise ein keuchender und schnaufender Fußballspieler, virusbelastete Dampfwolken ausstößt.

 

Die Schwerpunkte der Arbeit professioneller Kosmetiker*innen liegen in der Pflege und der Behandlung. Wir sprechen hier nicht davon, dass Lippen geschminkt oder Wangenrouge richtig aufgebracht werden. Wir sprechen hier vom Bekämpfen von Hautunreinheiten und -irritationen, vom Ausreinigen von Mitessern und Pickeln. Wir sprechen von Akne-Therapien, ohne die es zu Narbenbildungen wie auch gravierenden psychischen Belastungen der Patienten kommt. Wir sprechen von Rosazea-Behandlungen, ohne die sich die Betroffenen noch nicht einmal vor die Videokamera für einen Zoom-Chat mit Ihren Liebsten trauen. Wir sprechen von dringend notwendiger Haut- und Körperpflege, die nur von professionellen Hautexperten durchgeführt werden kann. Diese Tätigkeiten machen die Mehrheit der Behandlungsleistungen in den Kosmetikstudios aus.

 

Gemäß dem VCP e.V. umfasst das Kosmetik-Handwerk ca. 60.000 Einzelunternehmer*innen. Wenn man dies hochrechnet, ergeben sich jeden Monat weit über 1 Millionen Behandlungen, die für die Betroffenen dringlich und notwendig sind, die aber aufgrund der „unabdingbaren körperlichen Nähe“ nicht durchgeführt werden dürfen.

 

Ich bitte, dass ich hier nicht falsch verstanden werde: Ich stehe zu 100% hinter der Linie, dass Alles zu unternehmen ist, um Übertragungswege zu kappen und die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Wie Herr Spahn bislang immer beteuert hat, gehen Sicherheit und Gesundheit vor. Dies sollten wir alle beherzigen und unterstützen. Mir erschließt sich nur nicht die Logik weshalb speziell auf Sterilisation, Reinigung und Pflege des menschlichen Körpers ausgebildete Kosmetiker*innen von der Wiederaufnahme ihrer Tätigkeiten explizit ausgenommen werden, während gleichzeitig darüber nachgedacht wird, schwitzende und keuchende Fußballspieler (im wahrsten Sinne des Wortes) gegeneinander antreten zu lassen.

 

Kann es sein, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird?

 

Von Guido Lütsch, Geschäftsführer der IMAGE Skincare Innovation GmbH, einem Unternehmen der professionellen Kosmetik-Branche

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