Neurodermitis im Erwachsenenalter: Ursachen & Pflege

Petra Schreiber

Neurodermitis im Erwachsenenalter: Warum sie zurückkommt – und was Ihrer Haut wirklich hilft

„Neurodermitis gilt als Kinderkrankheit. Doch viele Erwachsene – Frauen etwas häufiger als Männer – erleben sie mit 30, 40 oder 50 Jahren neu …“


Was dahintersteckt, was ähnlich aussieht und was Pflege leisten kann


Wenn eine Kundin mit geröteten, schuppigen Stellen an den Lidern oder am Hals zu mir kommt, lautet ihre erste Frage oft: „Kann das wieder Neurodermitis sein? Die hatte ich doch als Kind.“ Meine ehrliche Antwort lautet: "Ja, das ist möglich".

Ob es sich tatsächlich um Neurodermitis handelt, kann allerdings nur eine Hautärztin oder ein Hautarzt sicher sagen. Denn einige andere Hautveränderungen sehen sehr ähnlich aus.


In diesem Beitrag erkläre ich, wie sich Neurodermitis bei Erwachsenen zeigt, welche Rolle Hormone und Stress dabei spielen, was sich in der Therapie getan hat – und was Kosmetik leisten kann und was nicht.


Kein reines Kinderthema

Neurodermitis (in der Fachsprache auch atopische Dermatitis genannt) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die in Schüben verläuft. Sie beginnt meist im Kindesalter und wird bei den meisten Kindern mit der Zeit deutlich schwächer. Damit ist die Veranlagung jedoch nicht vollständig verschwunden. Im Erwachsenenalter gibt es drei Möglichkeiten:


  1. Sie bleibt: Ein Teil der Betroffenen ist ihr ganzes Leben lang von Neurodermitis betroffen, mal stärker, mal schwächer.
  2. Sie kommt zurück: Selbst nach Jahren oder Jahrzehnten der Ruhe kann ein neuer Schub auftreten, häufig in Lebensphasen die mit viel Stress oder hormonellen Veränderungen verbunden sind.
  3. Sie beginnt neu: Seltener kommt es vor, dass sich Neurodermitis erst im Erwachsenenalter zum ersten Mal zeigt.


Auswertungen der Barmer zeigen, dass Frauen insgesamt etwas häufiger betroffen sind als Männer: Im Jahr 2021 waren es über alle Altersgruppen hinweg rund 5 Prozent der Frauen und 4 Prozent der Männer. Bei Erwachsenen ab etwa 21 Jahren liegt der Anteil unter 3 Prozent – und trotzdem sind sehr viele Frauen und Männer betroffen, die damit im Alltag leben müssen.


Wie sich Neurodermitis bei Erwachsenen zeigt

Bei Kindern sind in der Regel die Wangen sowie die Arm- und Kniebeugen betroffen. Bei Erwachsenen sieht das anders aus. 

Typisch sind:


  • Gesicht, Hals und Nacken: Trockenheit, Rötung und Schuppenbildung, die mit starkem Juckreiz einhergehen können.
  • Augenlider: feine, schuppende Haut, die spannt und brennt. Die Lidhaut ist sehr dünn und reagiert besonders schnell.
  • Hände: Rissige, raue Haut, die oft durch häufiges Waschen, Desinfizieren oder Arbeiten mit Wasser verstärkt wird.
  • Arm- und Kniebeugen: Wie bei Kindern, jedoch häufig mit verdickter, „ledriger“ Haut durch langes Kratzen.


Allen gemeinsam ist der Juckreiz. Und genau dieser ist oft das belastendste Symptom – vor allem nachts.


Was in der Haut passiert

Eine gesunde Haut verfügt über eine stabile Schutzschicht: Die Hornzellen liegen wie Ziegelsteine übereinander und werden durch hauteigene Fette wie Mörtel zusammengehalten. Bei Neurodermitis ist dieser „Mörtel” jedoch lückenhaft. Dadurch verdunstet Feuchtigkeit schneller, die Haut trocknet aus und Reizstoffe, Allergene sowie Keime können leichter eindringen. Das Immunsystem reagiert darauf mit einer Entzündung. Die entzündete Haut juckt und wenn man sich kratzt, wird die Barriere weiter geschädigt – und der Kreislauf beginnt von vorn.


Nicht jedes Ekzem ist Neurodermitis

Gerade wenn Hautveränderungen erst im Erwachsenenalter auftreten, lohnt sich eine gründliche Abklärung.


Ähnlich aussehen können beispielsweise:


  • Eine Kontaktallergie: auf Duftstoffe, Konservierungsmittel, Haarfarbe oder Nickel. Ein Ekzem an den Lidern kann sogar durch Nagellack verursacht werden, da wir uns unbewusst ins Gesicht fassen. Dermatologen können dies mit einem Allergietest klären.
  • Rosazea: Rötungen, Äderchen und Brennen im Gesicht, oft mit Pusteln, aber meist ohne Schuppung an Hals und Händen.
  • Periorale Dermatitis: kleine rote Knötchen rund um Mund oder Nase – häufig ausgelöst durch zu viel Pflege.
  • Seborrhoisches Ekzem oder Schuppenflechte: mit eigenen Mustern und eigener Behandlung.


Der Unterschied ist wichtig, denn die Behandlung ist jeweils eine andere. Eine Kontaktallergie verschwindet in der Regel erst, wenn auch der Auslöser gemieden wird.


Wenn die Hormone sich verändern

Viele Frauen bemerken, dass ihre Haut in bestimmten Lebensphasen empfindlicher wird, beispielsweise während des Zyklus, in der Schwangerschaft und vor allem in den Wechseljahren. Östrogen trägt dazu bei, dass die Haut Feuchtigkeit speichert, ausreichend Fett bildet und dicker sowie widerstandsfähiger ist. Sinkt der Östrogenspiegel, wird die Haut trockener, dünner und durchlässiger.

Für Menschen mit einer Neurodermitis-Veranlagung bedeutet das: Ihre ohnehin geschwächte Hautbarriere verliert weiter an Schutz. Das könnte erklären, warum manche Frauen gerade in den Wechseljahren wieder Schübe bekommen.

Mein Rat: Wenn Sie in den Wechseljahren sind und Veränderungen Ihrer Haut bemerken, sprechen Sie dies sowohl in Ihrer Hautarztpraxis als auch in Ihrer Gynäkologiepraxis an.


Wo Haut auf Psyche trifft

Kaum eine andere Hauterkrankung macht so deutlich, wie eng Haut und Psyche miteinander verbunden sind. Stress kann Schübe auslösen oder verstärken. Der Juckreiz raubt den Schlaf und Schlafmangel macht dünnhäutiger – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Zusätzlich belasten sichtbare Stellen im Gesicht oder an den Händen.


Was hilft dabei, diesen Kreislauf zu durchbrechen?


  • Feste Ruhepausen im Alltag und ein verlässlicher Schlafrhythmus sind wichtig.
  • Kühlen statt kratzen: Ein kühles, feuchtes Tuch beruhigt akuten Juckreiz.
  • Kurze Fingernägel und dünne Baumwollhandschuhe in der Nacht verhindern, dass Sie sich im Schlaf kratzen.
  • Entspannungsverfahren, die Ihnen guttun, zum Beispiel Atemübungen, Yoga oder Spaziergänge.


Und haben Sie auch keine Scheu, sich Unterstützung zu holen: Viele Hautkliniken bieten Neurodermitis-Schulungen für Erwachsene an.


Die Therapie hat sich verändert

Wer vor zehn oder zwanzig Jahren die Erfahrung gemacht hat, dass „nichts richtig hilft“, sollte heute noch einmal nachfragen. Neben der klassischen Behandlung mit entzündungshemmenden Cremes gibt es inzwischen für mittelschwere und schwere Verläufe moderne Medikamente, die gezielt an bestimmten Botenstoffen der Entzündung ansetzen. Diese sind als Spritze oder Tablette erhältlich. Ob eine solche Therapie für Sie infrage kommt, entscheidet Ihre Hautärztin oder Ihr Hautarzt.

Auch die Angst vor Kortison ist oft größer als nötig. Richtig angewendet und ärztlich begleitet, sind moderne Kortisoncremes gut verträglich.


Was Kosmetik leisten kann – und was nicht

Als Kosmetikerin sage ich ganz klar: Neurodermitis gehört in ärztliche Hände. Kosmetik kann die Behandlung zwar begleiten, aber nicht ersetzen. Bei einem akuten Ekzem behandle ich nicht. In ruhigen Phasen kann die richtige Pflege hingegen viel dazu beitragen, dass die Haut stabil bleibt.


Die tägliche Grundpflege

  • Jeden Tag pflegen, auch wenn die Haut gerade unauffällig ist. Die Pflege in den ruhigen Phasen ist die beste Vorbeugung.
  • Kurz und lauwarm duschen, mit einem milden, rückfettenden Reinigungsprodukt. Danach die Haut abtupfen und innerhalb weniger Minuten eincremen.
  • Reichhaltiger im Winter, leichter im Sommer – die Haut braucht je nach Jahreszeit mehr oder weniger Fett.
  • Urea mit Bedacht: Harnstoff bindet Feuchtigkeit und ist bei trockener Haut sehr wertvoll. Auf entzündeten oder offenen Stellen kann er aber brennen.


Die Inhaltsliste lesen

Je weniger Inhaltsstoffe ein Produkt enthält, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Reaktion. Vorsicht ist geboten bei:


  • Duftstoffen, die auf der Inhaltsliste als „Parfum“ oder „Fragrance“ angegeben sind. Oft werden sie auch mit Einzelnamen wie Linalool, Limonen, Geraniol oder Citronellol bezeichnet.
  • ätherischen Ölen, auch wenn sie natürlich sind,
  • Propolis und Wollwachs (Lanolin), die bei empfindlicher Haut häufiger Allergien auslösen,
  • viel Alkohol („Alcohol denat.“ weit vorne in der Liste), der die Haut austrocknet.


Hände, Lider und Make-up


  • Hände: Nach dem Waschen eincremen und bei der Hausarbeit Handschuhe tragen, am besten Baumwollhandschuhe unter Gummihandschuhen.
  • Lider: Hier keine Experimente! Ein Lidekzem muss immer ärztlich behandelt werden. Neue Augenpflege oder ein neues Augen-Make-up sollten Sie nur nach Rücksprache verwenden.
  • Make-up: Sie müssen nicht darauf verzichten. Wählen Sie Produkte mit wenigen Inhaltsstoffen und ohne Duft. Halten Sie Pinsel und Schwämmchen sauber und schminken Sie sich abends gründlich, aber sanft ab. Neue Produkte sollten Sie am besten einige Tage lang an einer kleinen Stelle testen, zum Beispiel am Hals unter dem Ohr.

 

MEIN RAT AUS DER PRAXIS

Weniger ist bei empfindlicher Haut fast immer mehr. Ich erlebe oft, dass Frauen aus Verzweiflung ständig neue Produkte ausprobieren und die Haut dadurch noch unruhiger wird. Eine schlichte, gut verträgliche Routine, konsequent angewendet und mit der ärztlichen Therapie abgestimmt, bringt meist mehr als jedes neue Wundermittel.

 

Häufige Fragen

Kann Neurodermitis mit 40 oder 50 Jahren anfangen?

Ja, das ist möglich, auch wenn es seltener ist als ein Beginn in der Kindheit. Häufiger kehrt eine Neurodermitis aus der Kindheit zurück. Weil im Erwachsenenalter auch andere Ursachen wie eine Kontaktallergie infrage kommen, sollten neue Ekzeme immer ärztlich abgeklärt werden.


Ist Neurodermitis ansteckend?

Nein. Neurodermitis ist nicht ansteckend.


Hilft eine Ernährungsumstellung?

Bei Erwachsenen spielen Nahrungsmittel als Auslöser seltener eine Rolle als bei Kindern. Strenge Diäten auf eigene Faust sind deshalb nicht sinnvoll. Wenn Sie einen Zusammenhang vermuten, lassen Sie ihn ärztlich abklären.


Kosmetikbehandlung bei Neurodermitis – geht das?
In ruhigen Phasen ja – vorausgesetzt, die Behandlung ist darauf abgestimmt: ohne Peeling, ohne Säuren, mit reizarmen Produkten ohne Duftstoffe. Bei einem akuten Schub, bei nässenden oder entzündeten Stellen sollte keine kosmetische Behandlung stattfinden. Sagen Sie im Kosmetikinstitut immer Bescheid, dass Sie Neurodermitis haben und welche Medikamente Sie verwenden.


Zum Schluss

Neurodermitis im Erwachsenenalter ist belastend und oft eine Erfahrung, mit der Frauen und auch Männer nicht gerechnet haben. Die gute Nachricht: Es gibt heute mehr Möglichkeiten als je zuvor, die Haut zu beruhigen und Schübe seltener werden zu lassen. Der wichtigste Schritt ist eine sichere Diagnose. Danach geht es um Geduld, eine einfache Pflege und darum, gut für sich selbst zu sorgen. Denn gerade hier zeigt sich, wie sehr Haut und Psyche zusammengehören.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.


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