Kosmetik während der Krebstherapie: Was die Haut jetzt braucht – und was nicht

Petra Schreiber

Kosmetik während der Krebstherapie: Was die Haut jetzt braucht – und was nicht

„Darf ich während der Behandlung überhaupt zur Kosmetik?“ Diese Frage wird mir meist leise und fast entschuldigend gestellt. Oft folgt gleich der Nachsatz: „Das ist doch Luxus, gerade jetzt.“


Ich sehe das anders. Eine Krebstherapie verändert nicht nur den Alltag, sondern auch die Haut – mitunter innerhalb weniger Wochen. Die Haut spannt, juckt und reagiert auf Produkte, die jahrelang selbstverständlich verwendet wurden. Augenbrauen und Wimpern werden dünner, die Nägel brüchig. Das ist kein Luxusproblem. Es ist ein Teil dieser Zeit, den man jeden Morgen im Spiegel sieht.


In diesem Beitrag erkläre ich, was in der Haut passiert und was onkologische Kosmetik leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen.


Warum sich die Haut während der Therapie so stark verändert

Viele Krebstherapien wirken auf sich schnell teilende Zellen. Dazu gehören zwar Tumorzellen, aber eben auch die Zellen der Haut, der Haarwurzeln und der Nägel, die sich ständig erneuern. Deshalb zeigt sich die Therapie oft genau an diesen Stellen. Je nach Behandlung sieht das unterschiedlich aus.


  • Chemotherapie macht die Haut häufig trocken, dünn und empfindlich. Einige Wirkstoffe können die Lichtempfindlichkeit erhöhen. Andere können Rötungen und Schmerzen an den Handflächen und Fußsohlen verursachen, die als Hand-Fuß-Syndrom bezeichnet werden. Oft fallen Haare, Augenbrauen und Wimpern aus und die Nägel werden brüchig oder verfärben sich.


  • Strahlentherapie wirkt örtlich. Die Haut im Bestrahlungsfeld kann sich wie nach einem Sonnenbrand röten, schuppen, jucken und empfindlich auf Reibung reagieren. Dieser Bereich bleibt häufig auch lange nach Ende der Bestrahlung empfindlich.


  • Zielgerichtete Therapien und Immuntherapien bringen eigene Hautreaktionen mit sich. Bestimmte Wirkstoffe können einen Ausschlag auslösen, der wie Akne aussieht, aber keine ist. Wer ihn mit klassischen Anti-Pickel-Produkten behandelt, trocknet die Haut zusätzlich aus. Auch starker Juckreiz und ausgeprägte Trockenheit sind häufig eine Folge.


  • Antihormonelle Therapien, die beispielsweise nach hormonabhängigem Brustkrebs eingesetzt werden, müssen oft über viele Jahre eingenommen werden. Sie blockieren die Wirkung von Östrogen oder senken dessen Bildung. Die Haut reagiert darauf ähnlich wie in den Wechseljahren: Sie wird trockener, dünner und weniger elastisch. Für viele Frauen kommt dieser Wandel abrupt und deutlich früher als erwartet.


Wichtig: Nicht jede Veränderung ist harmlos. Starke Schmerzen, offene Stellen, Blasen, Anzeichen einer Entzündung oder ein sich schnell ausbreitender Ausschlag gehören sofort in die Hände des behandelnden Ärzteteams – und nicht in die Kosmetikkabine.


Darf ich während der Therapie eine Kosmetikbehandlung in Anspruch nehmen?

Ja, häufig – aber nicht irgendwie und nicht ohne Absprache. Ob und wann eine Behandlung sinnvoll ist, hängt von der Therapieform, dem Zeitpunkt im Behandlungszyklus sowie den aktuellen Blutwerten ab. Beispielsweise steigt das Infektionsrisiko, wenn die Zahl der weißen Blutkörperchen niedrig ist. Dann verbietet sich alles, was die Haut verletzen könnte.


Deshalb gilt in meinem Institut: Vor der ersten Behandlung besprechen wir ausführlich Ihre Therapie und ich bitte Sie, Ihr Vorhaben mit Ihrem onkologischen Team abzustimmen. Starre Wartezeiten, die für alle gelten, gibt es nicht. Entscheidend ist Ihre individuelle Situation.


Was ist onkologische Kosmetik – und was nicht?


Onkologische Kosmetik ist eine reizarme, sanfte Pflege für eine Haut, die sich in einem Ausnahmezustand befindet. Sie arbeitet mit dem, was die Haut jetzt verträgt: Feuchtigkeit, Schutz der Hautbarriere und Ruhe. Aktive Wirkstoffe, Peelings, Wärme und apparative Verfahren bleiben in dieser Phase außen vor.


Onkologische Kosmetik ist keine Therapie. Sie hat keinen Einfluss auf die Erkrankung und ersetzt keine ärztliche oder pflegerische Behandlung. Sie ergänzt, aber sie ersetzt nicht.


Dennoch kann sie viel leisten. Die Haut fühlt sich wieder angenehmer an. Sie gewinnen Sicherheit darüber, welche Pflege jetzt zu Ihnen passt. Und Sie haben eine Stunde, in der es nicht um Befunde und Termine geht, sondern um Sie. Für viele ist genau das der eigentliche Wert: einmal nicht Patientin zu sein.


So läuft eine onkologische Behandlung bei Neroli Cosmetics ab

Bevor wir beginnen, bitte ich um eine schriftliche Freigabe Ihrer behandelnden Ärztin bzw. Ihres behandelnden Arztes. Während einer laufenden Chemo- oder Strahlentherapie besprechen wir außerdem den aktuellen Stand: Wann fand der letzte Zyklus statt, wie sehen die Blutwerte aus, ist ein Port vorhanden, gab es Operationen oder wurden Lymphknoten entfernt? Das klingt nach viel Formalität. Es ist jedoch die Grundlage dafür, dass die Behandlung wirklich zu Ihnen passt.


Die onkologische Gesichtsbehandlung (60 Minuten, ab 99 €) ist bewusst sanft: Es kommen weder Peelings noch Säuren, Geräte oder Dampf zum Einsatz. Ich reinige, versorge und pflege Ihre Haut je nach Zustand mit Feuchtigkeit, beruhigenden Wirkstoffen und durch den Aufbau der Hautbarriere. Zudem kommen behutsame Massagegriffe zum Einsatz. Bestrahlungsfelder, Port, frische Narben und die operierte Seite nach einer Lymphknotenentfernung spare ich aus. Hier zählt nicht die Wirkstoffdichte, sondern die Auswahl. Und die Zeit.


Da sich der Geruchssinn unter Chemotherapie oft stark verändert, dürfen Sie die Produkte vorher riechen. Sie bestimmen, was berührt wird und was nicht. Sie können jederzeit unterbrechen, ohne das zu begründen. Wenn Sie nicht sprechen möchten, sprechen wir nicht.


Sie nehmen eine Pflegeempfehlung mit nach Hause, die zu Ihrer Therapie passt – reduziert, konkret und ohne dass Sie eine Schublade voller neuer Produkte benötigen.


Hautpflege zu Hause: die Grundregeln


Was der Haut jetzt guttut:

  • Milde, seifenfreie Reinigung mit lauwarmem Wasser. Abtupfen statt reiben.
  • Duftstofffreie Pflege mit Inhaltsstoffen, die die Barriere stärken – etwa Ceramide, Panthenol oder Glycerin. Auf leicht feuchte Haut aufgetragen, hält die Feuchtigkeit besser.
  • Lieber mehrmals täglich dünn nachcremen als einmal dick.
  • Täglich Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, auch im Herbst und Winter. Ist die Kopfhaut ungeschützt, gehören Tuch oder Mütze dazu.
  • Weiche Baumwolltextilien. Im Bestrahlungsbereich nichts, was eng sitzt oder scheuert.


Was Sie in dieser Zeit besser weglassen:

  • Retinol und Retinal, Frucht- und Salicylsäure, hochdosiertes Vitamin C
  • Peelings, Bürsten und Reinigungsgeräte
  • Duftstoffe und ätherische Öle – auch die „natürlichen“
  • Heiße Bäder, Sauna und Dampf
  • Ständig neue Produkte. Wenn Sie etwas ausprobieren möchten, dann eins nach dem anderen.


Für das Bestrahlungsfeld gilt eine eigene Regel: Verwenden Sie hier nur die Produkte, die Ihnen Ihr Strahlentherapie-Team empfiehlt. Viele Zentren haben dazu genaue Vorgaben, beispielsweise wie lange vor einer Sitzung nichts aufgetragen werden darf. Diese Vorgaben haben immer Vorrang.


Ein Hinweis bei antihormoneller Therapie: Pflanzliche Östrogene, sogenannte Phytoöstrogene, sind in manchen Nahrungsergänzungsmitteln und Pflegeprodukten enthalten, die speziell für die Wechseljahre beworben werden. Ob diese für Sie infrage kommen, klären Sie bitte vorher mit Ihrer Onkologin oder Ihrem Onkologen.


Augenbrauen, Wimpern, Nägel

Wenn Augenbrauen und Wimpern ausfallen, verändert sich der Gesichtsausdruck stärker, als viele erwarten. Ein weicher Stift oder Puder in einer etwas helleren Farbe als die frühere Haarfarbe wirkt natürlicher als ein dunkler, harter Strich. Permanent Make-up, Wimpernverlängerungen und Färbungen sind während der Therapie hingegen keine gute Idee, da die Haut zu empfindlich ist und das Infektionsrisiko erhöht ist.


In meiner ca. 1 -stündigen Make-up-Beratung (89 €) zeige ich Ihnen, wie Sie Ihre Brauen natürlich nachzeichnen, einen Lidstrich ohne Wimpern ziehen und Rötungen und Verfärbungen abdecken. Welche Produkte sich dafür eignen, ist bei dekorativer Kosmetik eine fachliche Frage. Sie schminken sich dabei selbst, denn es soll Ihnen zu Hause vor dem eigenen Spiegel gelingen, nicht nur bei mir. Sie dürfen auch jemanden mitbringen.


Feilen Sie Ihre Nägel am besten kurz und gerade, statt sie zu schneiden. Schneiden Sie die Nagelhaut bitte nicht zurück und verzichten Sie auf Gel- oder Kunstnägel. Eine reichhaltige Hand- und Nagelpflege mehrmals am Tag beugt Einrissen vor.


Wenn die Therapie vorbei ist

Das Ende der Therapie bedeutet nicht, dass die Haut sofort wieder wie zuvor aussieht. Sie braucht Zeit, oft mehrere Monate. Gleichzeitig ist der Wunsch groß, endlich wieder etwas zu tun: ein Peeling, ein Microneedling, das volle Wirkstoffprogramm.


Mein Rat: Gehen Sie es Schritt für Schritt an. Wir bauen die Pflege langsam wieder auf und steigern erst, wenn die Haut stabil ist und aus ärztlicher Sicht nichts dagegen spricht. Ehemalige Bestrahlungsfelder und Narben bleiben dabei besonders empfindlich und benötigen dauerhaft konsequenten Sonnenschutz.


Für Angehörige

Sie möchten in dieser Zeit jemandem eine Freude machen? Ein Gutschein für eine beliebige Behandlung ist zwar gut gemeint, passt aber nicht immer. Besser geeignet sind Gutscheine für eine Make-up-Beratung oder eine onkologische Gesichtsbehandlung. Dann schauen wir gemeinsam, was möglich ist.


Zum Schluss

Hautpflege kann keine Krankheiten heilen. In einer Zeit, in der einem vieles aus der Hand genommen wird, kann sie jedoch etwas zurückgeben: das Gefühl, gut für sich zu sorgen. Das ist keine Eitelkeit. Es ist Selbstfürsorge – und die steht Ihnen gerade jetzt zu.


Wenn Sie sich selbst in Behandlung befinden oder eine Begleitperson sind, melden Sie sich gern bei mir. In Ruhe klären wir dann, was für Ihre Haut und Ihre Situation am besten geeignet ist.



Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bitte stimmen Sie alle Pflege- und kosmetischen Behandlungen während einer Krebstherapie mit Ihrem behandelnden Ärzteteam ab.

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